Werner Heidenreich
Der Philosoph André Glucksmann vom Kölner Stadtanzeiger zu den
Wurzeln des Hasses befragt, antwortete u. a.: "Hass hat seine Wurzeln
nicht in der Gesellschaft sondern in der menschlichen Natur." Jede
Zivilisation sei nun darum bemüht, diesen Hass zu zügeln.
Eine Erkenntnis, die ich aufgrund meiner Achtsamkeitspraxis teile. Alle
Gefühle sind bereits in mir angelegt, ich muss Hass, Wut, Freude oder
Liebe nicht lernen, sie werden durch die Umstände und meine Reaktionen
geweckt. In den 80ger Jahren wurden wissenschaftliche Experimente mit
anscheinend friedlichen, unauffälligen Menschen durchgeführt, die diese
zu aggressiven und gewalttätigen Monstern werden ließen. Die
Testpersonen wurden dazu gebracht, aus eigenem Antrieb heraus,
vermeintliche Delinquenten zu foltern und deren Tod in Kauf zu nehmen.
Gewalt ist immer da
Gewalt ist etwas natürliches, was uns Hurrikans und Erdbeben und
andere Naturkatastrophen immer wieder zeigen. Wir können sie nicht
abschaffen, sondern wir können nur lernen mit ihr Weise umzugehen. Das
ist die Essenz der buddhistischen "ahimsa" Praxis, der
Praxis der Gewaltlosigkeit. Bei dieser lernen wir, die Gewalt in unserem
Geist wahrzunehmen und mit ihr umzugehen. Eine wichtige Erkenntnis aus
dieser Begegnung mit unserer eigenen Gewalt ist, dass diese von unserer
"geistigen Nahrung" abhängt.
Was unseren Geist prägt
Die Art unserer Gedanken, die Themen, mit denen wir uns beschäftigen,
die Bilder, die wir sehen, die Art und Weise, wie wir kommunizieren und
natürlich die Gewohnheiten, die wir uns zulegen, dies alles prägt
unseren Geist und damit auch unser Gewaltpotential. So erklären sich die
immer brutaleren Ausbrüche von Gewalt an Schulen, sinnlos einprügelnde
Hooligans und die entfesselte Zerstörungswut nächtlicher Krawalle in
Frankreich. Wie sehr uns z. B. die Art unserer Gedanken prägt, zeigt der
Fundamentalismus. Schüchterne, ursprünglich friedlich gesonnene Menschen
können aufgrund ihres fanatischen Glaubenskonzeptes manchmal in
überraschend kurzer Zeit zu todesmutigen Kämpfern werden, die willens
sind Tausende Menschen zu töten.
Nahrung der Gewalt
Wenn uns das bewusst ist, dann erkennen wir die Dringlichkeit einer
Lebensweise, die uns auf unsere geistige Nahrung achten lässt, die uns
sensibilisiert für die Wirkungen, die von den Dingen ausgeht, mit denen
wir uns beschäftigen. Wenn wir eine Antwort auf die wachsende Gewalt
geben wollen, dann liegt meine darin, die Praxis der Achtsamkeit zu
forcieren. Es geht mir darum, in unserer Gesellschaft Menschen auf die
Zusammenhänge hinzuweisen, und sie zu motivieren, gewaltverherrlichende
und gewalterzeugende Denk- und Verhaltensweisen abzulegen. Das gilt
besonders für unsere Medien. Auch eine stärkere Gewaltprävention in
Schulen und Stadtteilen zählen dazu. Für unseren Alltag sind die Fragen
wichtig: Wie lebe ich mein Leben? Wie gehe ich mit mir und meinen
Mitmenschen um?
Geistestraining
Ich möchte an dieser Stelle einen Wunsch wiederholen, den ich
unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 9.11.2001 in den USA äußerte:
Ähnlich den vielen körperlichen Fitnessstudios in den Städten auch
geistige Übungszentren zu bilden, die uns helfen, unseren Geist zu
trainieren und zu klären.
Thich Nhat Hanh, der als vietnamesischer Mönch den Krieg in seinem Land
erlebt und erlitten hat, fordert uns auf, aktiv zu werden.
"Wir müssen erkennen, wie wichtig es ist, möglichst viele Menschen
unserer Gesellschaft an die Übung der Achtsamkeit heranzuführen. Wir
müssen uns fragen, wie wir es erreichen können, dass eine
größtmögliche Zahl von Menschen es lernt, glücklich zu sein, und sich
darauf versteht, andere in die Kunst des achtsamen Lebens einzuführen.
Die Zahl gewalttätiger Menschen ist unendlich groß, während die Zahl
der Menschen, die in der Lage sind, achtsam zu atmen und sich selbst und
andere glücklich zu machen, sehr klein ist. Jeder Tag gibt uns die
wunderbare Möglichkeit, selbst Glück zu erfahren und ein Ort der
Zuflucht für andere zu werden."
Veranstaltungen zum Thema
In diesem Programm bietet der StadtRaum einige Veranstaltungen zum
Thema Gewalt an.
Wir haben Alfred Weil (Fr. 17.02.06 20 h, Sa. 18.02.06, 11-17 h
und
Michael Schmiedel (Do. 26.01.06, 19.30 Uhr) eingeladen, darüber mit
uns zu reflektieren und
Paul Köppler (So. 19.02.06, 20.00 h ) stellt Meditationstechniken des
Buddha vor, die uns helfen, unseren Geist zu trainieren und friedlich
werden zu lassen.