"Das Herz aller spirituellen Praxis ist das Entwickeln von Liebe
und Mitgefühl. Das Ausmaß, in dem diese beiden entwickelt sind, prägt
die Art und Weise, wie jemand dem spirituellen Weg folgt, und zeigt,
wieweit sich sein Geist geöffnet hat." .....
Gendün Rinpoche
Wir kennen, etwas vereinfacht gesagt, zwei grundlegende
Geisteshaltungen: entweder sind wir offen, mitfühlend und liebevoll oder
aber eher ablehnend bis feindselig und abgegrenzt. Mit beiden Stimmungen
reagieren wir, unabhängig davon ob Partner, Freunde oder andere uns nahe
oder nicht so nahe stehende Personen auf uns zu kommen. Diese Stimmungen
treten spontan auf, kommen aus unserem Innersten und folgen angewöhnten
geistigen Mustern. Wollen wir aus diesem Karussell der wechselnden
Stimmungen aussteigen, wollen wir frei werden von uns begrenzenden und
trennenden Reaktionen und einen offenen, mitfühlenden und liebenden Geist
kultivieren, müssen wir ihn trainieren und umgewöhnen.
Sanfter, freundschaftlicher Geist
Ich möchte hier die sogenannte "Liebende Güte –
Meditation", vorstellen, die eine Art Geistesschulung für Liebe und
Mitgefühl ist. Metta" wird die Meditation in der altindischen
Palisprache genannt und bedeutet im Wortsinn Sanftheit. Eine Meditation,
die uns zu einem sanften Geist oder wie es genauso richtig übersetzt heißen
kann, zu einem sanftmütigen Herzen führt. In Sanskrit, der indischen
Gelehrtensprache, heißt dieselbe Meditation Maitri und steht für
Freundschaft.
Die Meditation
Unser Geist ist geprägt von Mustern und Gewohnheiten. Die Liebende-Güte-Meditation
trainiert oder gewöhnt den Geist um, so dass er immer mehr zu liebevollem
Denken und Fühlen neigt. Wir lesen oder hören während der Meditation
Schlüsselsätze, die uns in eine freundschaftliche, wohlwollende
Grundhaltung versetzt. Es gibt verschiedene Versionen dieser Sätze, ich
stelle hier zwei vor, die der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh,
als Konzentrat aus der Lehrrede Buddhas zur Liebenden Güte
zusammengestellt hat.
"Möge ich friedlich und gelöst in Körper und Geist sein."
Ein friedlicher Geist ist laut Buddha die Motivation dafür, dass wir
uns überhaupt mit dem Weg der Liebe beschäftigen. Die Prämisse ist
einfach: Ein liebevoller Geist ist zugleich ein friedlicher Geist. Wir
lassen einen liebevollen Geist aufsteigen und kümmern uns bereits um das
Resultat, den friedlichen Geist.
Der Schlüsselsatz erinnert uns zuerst an uns selbst. Kümmere Dich um den
Frieden in dir, oder anders, lass den Kampf gegen Dich selbst los. Es mag
simpel klingen, aber bereits diese Orientierung macht uns sensibel für
schädigende Gedanken und Gefühle. Viele Gespräche, die Medien und eben
unser eigenes Denken ist voll von Negativem, von Schreckensnachrichten,
Sorgen und Gewalt. Im Alltag lassen wir all diese belastenden und uns aufwühlenden
Informationen unkontrolliert in uns einströmen und wundern uns, dass wir
keinen Frieden finden.
Friedvolle Gedanken
Frieden finden mit uns selbst heißt hier, sich bewusst auf friedliche
Gedanken und freundschaftliche Gefühle zu konzentrieren. Wir haben die
Wahl, was wir denken und fühlen wollen!
Wir führen unser Gedanken auf die andere Seite der Wahrnehmung, erkennen,
dass es immer auch Aspekte von Frieden und Glück gibt. Wir kennen aus
unserem alltäglichen Leben Menschen, die fähig sind, selbst in Krisen
noch gelassen zu bleiben und meist heiter und aufmunternd auf andere
wirken. Sie finden meistens Lösungen jenseits von Kampf und gegenseitigem
Verletzen.
Frieden im Körper
Das Gleiche gilt für unseren Körper. Wir lernen ihn anzunehmen, zu
entspannen und ihn nicht zu überfordern. Wir überlasten ihn nicht weiter
durch schädliche Nahrung oder einen ungesunden Lebenswandel. Allein durch
diese Meditation haben beispielsweise Menschen ohne weitere Anstrengung
das Rauchen aufgegeben oder ihren Zuckerkonsum reduziert. Mit diesem Schlüsselsatz
versetzen wir uns in die Lage, unseren Körper anzunehmen, egal, ob er uns
vorher als zu dick, zu klein, zu schwach oder zu alt erschien.
"Möge ich fähig sein, mich selbst mit den Augen der Liebe und
des Verstehens zu betrachten."Mit den Augen der Liebe zu schauen,
heißt, Erwartungen und Vorstellungen ganz loszulassen und mit größtem
Wohlwollen uns selbst zu begegnen. Wir haben, wenn wir realistisch
schauen, eh keine andere Wahl als uns anzunehmen. Wir können uns
nirgendwo eintauschen gegen eine neue perfekte Person.
Wir haben das Konzept im Kopf zu reifen, um eines Tages als liebenswerte
Blüte vollkommen zu sein. Doch wie und wann auch immer, mit diesen
Erwartungen werden wir stets neue Schwächen und Unzulänglichkeiten an
uns feststellen müssen. Es gibt, das war letztlich die Urerkenntnis des
Buddha, keine Vollkommenheit.
Es gibt in uns die tiefe Sehnsucht danach geliebt zu werden. Doch wenn wir
uns selbst nicht für liebenswert halten, wie können wir dann
akzeptieren, dass andere uns lieben? Wir halten jeden Menschen, der sagt,
dass es uns liebt, entweder für einen Heuchler oder für verblendet, weil
er unsere Schwächen nicht erkennt.
Der Blick der Liebe akzeptiert uns trotz aller unserer Unzulänglichkeiten.
Wir sind uns wohlwollend gesinnt, auch wenn uns Ärger beherrscht oder wir
mit unserem Handeln offensichtliche Fehler begehen. In diesem Sinne gilt:
Meine Liebe ist wichtig, wenn ich große Fehler begehe, denn dann benötige
ich sie besonders.
Verstehen
Wahres Verstehen liegt jenseits unserer Urteile, Diagnosen und
Interpretationen. Wir lassen alle Konzepte über uns los. Wenn wir mit
offenen Augen wahrnehmen, was gerade lebendig ist und uns trägt, welche
Gefühle und Gedanken uns leiten, welcher Geist uns bestimmt, kommen wir
in Kontakt mit unserer wahren Natur. Wir erkennen die uns bestimmenden
Muster und Zwänge die auf uns von innen und außen wirken. Aufgrund
dieser Einsicht, diesem tiefem Verstehen, können wir uns auf den Weg der
Heilung und Befreiung begeben.
Umfassende Liebe
Die Liebende-Güte-Meditation ist nicht über den Willen oder einen
Vorsatz wie: "ich will mich ab jetzt immer lieben", zu
verwirklichen. Sie ist eine Geistesschulung, ein allmähliches Verändern
unserer Denkgewohnheiten. Sie braucht Zeit und Kontinuität und wird, wenn
diese Bedingungen erfüllt sind, zu einer kraftvollen Praxis, die uns zu
glücklichen und liebesfähigen Menschen macht. Denn wenn es uns gelungen
ist, einen liebevollen Geist zu entwickeln, dann richtet sich dieser
keineswegs nur auf uns selbst, sondern er umfasst vorbehaltlos alle
Menschen und alle Wesen.
"Mögen alle Wesen glücklich sein!"
Werner Heidenreich