Redaktionelles

Glücklich leben

Sich entscheiden

Glücklich leben beginnt damit, dass wir uns bewusst entscheiden, Glück in unserem Leben zuzulassen. Das mag seltsam klingen, doch treffe ich immer wieder auf die Vorstellung, das Leben sei ein harter Kampf, in dem es um Gewinnen oder Verlieren gehe. In diesem Konzept von ewigem sich durchsetzen, verteidigen und beweisen müssen, ist kein Platz für ein glückliches Leben.
Daher ist es wichtig, unsere Einstellung zum Leben zu überprüfen. Lassen wir Harmonie, Verbundenheit und Mitgefühl in unserem Leben zu, findet auch Glück seinen Platz.

Ankommen

Besonders spirituell Interessierte befinden sich nach ihrem Selbstverständnis "auf dem Weg", müssen immer noch irgendwo ankommen. Die erste und wichtigste Übung überhaupt, um glücklich sein zu können ist, diese Vorstellung von Wanderschaft loszulassen.
"Ich bin angekommen, ich bin zu Hause" lautet ein Mantra, das mir immer wieder hilft, Frieden zu schließen mit meiner Unvollkommenheit und nicht weiter auf den erlösenden Augenblick zu warten. Zu Hause sein, das steht für ein Gefühl von Glückseligkeit. Zu Hause, das ist die Zuflucht zu mir selbst, die der sterbende Buddha seinen Jüngern empfahl. "Sei
d euch selbst eine Zuflucht" um somit eure innere Befindlichkeit unabhängig zu machen von äußeren Bedingungen.

Liebe

Im Metta-Sutra, dem Sutra der Liebenden Güte, heißt es am Anfang: "Wer Frieden in seinem Geist bzw. in seinem Herzen erlangen möchte, der bemühe sich um folgende Gesinnung …" Danach folgen die Anweisungen zur Schaffung einer liebevollen Grundhaltung, die uns Frieden im Herzen beschert.
Der Dalai Lama erwähnte gleich in zwei
en seiner Bücher eine ihm anscheinend sehr wichtige Begegnung mit einem christlichen Mönch in Spanien. Der war ihm unter den vielen Besuchern seiner Veranstaltung durch seine glückliche Ausstrahlung und sein stetes Lächeln aufgefallen. Als der Mönch zu einer Audienz kam, fragte der Dalai Lama ihn, was ihn so glücklich mache. Der Mönch erklärte, dass er drei Jahre nichts anderes als Liebe meditiert habe und seit dem in einem glücklichen Geisteszustand verweile.
Glück als Resultat eines liebevollen Geistes. Der vom Dalai Lama vorgestellte Mönch war Christ, was zeigt, dass Liebe und Glück nicht an Religionen und Weltanschauungen gebunden sind.

Unsere liebenswerten Seiten sehen

"Metta" wird die Liebende-Güte-Meditation im altindischen Pali genannt und bedeutet im Wortsinn Sanftheit. Eine Meditation, die uns zu einem sanftmütigen Geist führt, der Widerstände und geistige Härten gegen uns und unsere Umwelt aufgibt. Wir haben so viele Aspekte, so viele liebenswerte Seiten an uns, dass wir nicht erst etwas schaffen oder erreichen müssen, um uns von ganzem Herzen annehmen zu können.
In einer der drei Erdberührungen, die ich bei dem vietnamesischen Zen-Meiste
r Thich Nhat Hanh kennen lernte, vergegenwärtigen wir unsere Verbundenheit mit den geistigen LehrerInnen der Menschheit und machen uns bewusst, dass auch wir in uns Liebe, Verstehen und Mitgefühl haben. Sind wir gefangen in unheilsamen Geisteszuständen, wissen wir doch, dass die heilsamen in diesen Augenblicken nur verdeckt sind, bereit jederzeit hervorzukommen.

Wir brauchen auch den Kompost

Wir müssen nicht Weglaufen vor unseren Schattenseiten, sondern können uns auch diesen offen zuwenden. Thich Nhat Hanh bietet das Gleichnis vom ökologischen Gärtnern an. Der Komposthaufen, also der Abfall, das was weggeworfen wurde, ist eine lebensnotwendige Voraussetzung für einen gesunden Garten. Wir brauchen unsere Fehler und Macken, unsere Schwächen und Verfehlungen, damit wir an ihnen reifen und wachsen können. Egal, wie viel wir auch wegschneiden könnten von dem, was wir nicht an uns akzeptieren, es würde immer wieder Neues nachkommen, das stört und ärgert. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Lernen wir unsere Fehler und Schwächen zu schätzen, löst sich der Druck, erst perfekt sein zu müssen, bevor wir glücklich sein dürfen.

Lächeln

In der Liebenden-Güte-Meditation benutzen wir den Satz: "Möge ich fähig sein, mich selbst mit den Augen der Liebe und des Verstehens zu betrachten." Im Strudel des Alltags ist es nicht leicht, in eine solch liebevolle Haltung zu kommen.
Als ich Thich Nhat Hanh vor rund
zehn Jahren kennen lernte, sprach er ständig von der Notwendigkeit des Lächelns. Seit Jahren hängt eine Kalligrafie von ihm in unserem Meditationsraum, die lautet: "peace begins with your beautiful smile". Es stimmt, oft, wenn ich ärgerlich werde über mich oder andere, hilft ein bewusstes Lächeln und der Ärger beginnt Nachsicht und Mitgefühl zu weichen.

Achtsamkeit auf den Atem

So etwas Selbstverständliches wie unseren Atem zu betrachten, reicht bereits, um zu erkennen, dass unser Leben ein kosmisches Wunder ist. Wir spüren, wie die Atemluft ein- und ausströmt und erkennen die Verbundenheit mit dem ganzen Universum. Was für ein Geschenk Lungen zu haben, Sauerstoff atmen zu dürfen und dies bewusst spüren zu können. Unser Körper, egal, ob er uns als zu klein oder zu groß, zu dünn oder zu dick erscheint, ist ein Wunder der Natur und so betrachtet Anlass für ein großes Glücksgefühl.

Unsere Gefühle entmachten

Nur wenn es gelingt, uns von der Macht unserer Gefühle zu befreien, haben wir eine reale Chance, glücklich leben zu können. Es gibt einige Methoden, um uns von der Macht der Gefühle zu befreien. Für Laien mit wenig Praxis empfehle ich, sich zuerst einmal klar zu machen, Gefühle sind unser eigenes Produkt.
Auf diese Weise übernehmen wir die Verantwortung für unsere Gefühle und sind nicht mehr dabei, dem Außen die Schuld für unser Befinden zu geben. Haben wir Ursache und Folge erkannt, können wir uns um die Quelle kümmern. Wir fragen uns, könnte ich auch auf eine ganz andere Weise reagieren? Allein die Erkenntnis, dass wir einen Spielraum haben, dass wir frei sind zu entscheiden, wie wir Erfahrungen bewerten, relativiert die Wirkung und Macht der Gefühle und bietet uns die Chance, unangenehme Gefühle umzuwandeln.

Dankbarkeit

Unser ökonomisches Denken verdrängt immer mehr das Gefühl von Dankbarkeit. Wir glauben, nicht mehr dankbar sein zu müssen, da wir ja für alles zahlen. Sind wir es dennoch, wird es leicht als mangelndes Selbstbewusstsein missverstanden.
Dabei ist Dankbarkeit ein wunderbarer Geisteszustand und kann uns sehr glücklich machen. Wir machen uns bewusst, dass jeder Moment, jede Begegnung, unser Körper, Gesundheit und Unversehrtheit nicht die Erfüllung eines uns zustehenden Rechts sind, sondern einzigartige Geschenke. Mit einer solchen Dankbarkeit erfahren wir jeden neuen Augenblick als unendliches Glück.

Geben

Thich Nhat Hanh sagt immer wieder Glück sei nicht individuell. Mir erscheint unser westlicher Individualismus als eine große kollektive Täuschung, da uns dieser vorgaukelt, wir würden als von einander unabhängige Wesen leben. Gebefreudigkeit (dana) gilt als ein Weg, der uns zu großer Befreiung führen kann. Warum? Weil er uns unsere Verbundenheit und unser Einssein mit dem ganzen Leben bewusst macht. Jeder hat sicherlich schon erlebt, wie sehr uns Schenken erfreuen kann, ja sogar mehr Freude bereiten kann, als beschenkt zu werden. Auf der höchsten Stufe der Gebefreudigkeit, erfahren wir unser ganzes Leben als ein Geschenk an das Leben.

Verzeihen

Jeder hat bestimmt schon einmal in seinem Leben Verletzung, Kränkung oder Ungerechtigkeit erfahren. Oft tragen wir deswegen Groll, Wut, Trauer und Hass in uns, die uns nie ganz zur Ruhe kommen lassen. Verzeihen ist eine ganz wichtige Tugend, die uns hilft, diese inneren Altlasten loszuwerden. Verzeihen ist keine intellektuelle Tätigkeit, Verzeihen muss aus unserem Herzen kommen, soll es uns wirklich befreien. Wir können dann Frieden schließen mit dem Erlebten und mit der Kraft der liebende Güte den Personen verzeihen, die uns haben leiden lassen.

Lebensfreude

Wir sind nicht glücklich, weil uns viele Aufgaben als lästige Pflichten erscheinen. Wir glauben Dinge erledigen zu "müssen", uns nach irgendwelchen Gesetzen und Erwartungen verhalten zu "sollen".
Wie oft leiden wir unter Aufgaben, die wir genauso gut mit Freude und Leichtigkeit hätten machen können. Es gibt offensichtlich eine Kluft zwischen einem Alltagsbewusstsein, das suggeriert, das Leben sei eine Last und einem tiefen inneren Glücksgefühl darüber, leben zu dürfen. Gelingt es mir, mich mit diesem Glücksgefühl zu verbinden, erscheinen ehemals lästige Pflichten plötzlich als Quelle größter Freude.)

Augen für das Glück haben

Nach der Tsunami-Katastrophe sprachen wir über unsere Mitfreude für die Menschen, die der Flut nur mit viel Glück entkommen waren. Wir machten uns auch bewusst, dass die Katastrophe Mitgefühl und Anteilnahme hervorgebracht hatte, riesige Summen von Spenden zeigten ein großes Maß an Gebefreudigkeit, die spontan aufgrund des großen Leidens entstanden war.
Wir können glücklich leben, wenn wir einen ausgeglichenen und gleichmütigen, im Pali "upekkha" genannten, Geist entwickeln, der unsere Augen auch in Krisen und Katastrophen für alle Aspekte des Geschehens offen hält. Alle Geschehnisse haben verschieden Seiten und es gibt in jeder Situation immer auch Aspekte, über die wir glücklich sein können.

Unsere geistige Nahrung beachten

Wir kennen körperliche Nahrung, doch selten ist uns bewusst, dass all die Informationen, all die Gespräche, Probleme und Themen mit denen wir uns im Alltag beschäftigen, auch eine Art von Nahrung sind, nämlich Nahrung für unseren Geist. Wer körperlich gesund leben möchte, der muss auf seine körperliche Nahrung achten. Ebenso ist es mit unserem Geist. Wir können nur glücklich sein, wenn unser Geist nicht überfüttert ist mit geistigen Beschäftigungen und nicht gefangen ist von Sorgen, Ängsten und Ärger. Uns bewusst von aggressiven Einflüssen frei zu machen, schwere, belastende Gedanken und Themen nicht ständig zu wiederholen und sich freudvollen und positiven Dingen zuzuwenden, ist eine Art geistiger Hygiene, die uns entspannt und glücklich werden lässt.

Nicht urteilen

Besonders in unserer Kultur, in der der "kritische Geist" gepflegt und gefordert wird, ist das Urteilen über alles, was uns begegnet, eine Selbstverständlichkeit. Als ich das erste Mal eingeladen wurde, alle Urteile fallen zu lassen, glaubte ich nicht, dass das im Alltag möglich sei. Ich befürchtete fortan desorientiert durch Leben zu wanken. Mit der zeit des Übens und Probierens erlebte ich die geistige Ruhe und Freiheit, die darin liegt, auf Urteile verzichten zu können.
Ich kann fühlen und beobachten, was mir ein Mensch bedeutet, was er in mir berührt, welche Gefühle bei mir freigesetzt werden. Ich kann mir klar sein darüber, was mir ein Gespräch sagt, was ich in Kommunikation erfahre und verstehe, wie mich ein Text inspiriert, amüsiert oder langweilt. Dieses bewusste Erkennen reicht, um eine Beziehung zu meiner Umwelt und meinen eigenem Handeln aufzubauen, Urteile sind nicht nur nicht nötig, sie stören, denn sie sind nicht wahr. Ein Mensch der mich interessiert, ist nicht automatisch auch interessant für andere, ein mich langweilender Text ist für andere vielleicht äußerst spannend. Urteile sind für mich statisch und versuchen den anderen in ein allgemeines Wertesystem zu bringen. Sie lenken davon ab, dass allein ich es bin, der hier die Urteile vergibt und vor allem, dass es meine Kategorien, mein Geschmack, meine Bedürfnisse, Erfahrungen und Gefühle sind, wonach ich beurteile und damit eine andere Person oder eine Handlung oder ein Ding festzulegen versuche.
Wollen wir glücklich leben, belasten wir unsere Gedanken nicht mit Urteilen über uns selbst, andere Menschen, Situationen oder Dinge.

Edle Freunde

Wir brauchen Unterstützung und von daher sind für uns Menschen wichtig, die auch praktizieren und mit uns gemeinsam den Weg gehen. "Edle Freunde" also, von denen das "Glücks-Sutra" spricht. Dank des Buddhismus-Booms der letzten Jahrzehnte und der vielen Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen bewusst und liebevoll mit sich und ihrer Umwelt umgehen, ist es heutzutage nicht mehr ganz so schwierig, Gleichgesinnte zu finden. Haben wir uns mit solchen Freunden verbunden, ist es an uns, sie wertzuschätzen und mit dazu beizutragen, dass dieser Kreis erhalten und lebendig bleibt.

Achtsame Kommunikation

Die Begegnung mit unseren Mitmenschen kann Ursache großen Glücks oder aber großen Leids sein. Zu erwarten, dass unsere Umwelt mit uns harmoniert, mit unseren Wünschen und Gefühlen immer übereinstimmt ist unrealistisch. Die achtsame Kommunikation, also ein Sprechen und Hören mit einem hohen Maß an Bewusstsein, kann uns helfen, in allen Situationen, also auch in Konflikten und bei großen Problemen, die Begegnung als zutiefst beglückend zu erleben. Achtsame Kommunikation ist es, mit der wir unsere Kontakte zu unseren "Edlen Freunden" pflegen und fördern können.

Stille

Glücklich leben hat viel zu tun mit Stille. Aufgrund der Hektik unseres Alltags ist sie sehr wichtig geworden. Selbst unsere spirituelle Praxis kann Anlass für Stress und Hektik werden. Wir jagen zu Meditationsterminen, machen weite Reisen, um den einen oder anderen Lehrer zu besuchen und kommen nicht zur Ruhe. Ich glaube, um ein glückliches Leben führen zu können, brauchen wir tägliche Zeiten der Stille, des Schweigens. In diesen Zeiten entsteht innerer Frieden, wir werden glücklich und kommen in einen tiefen Kontakt mit uns selbst. So wird Stille zu einer Kraftquelle, die unseren ganzen Alltag nährt.

Loslassen

Alle großen Mystiker sprechen vom Lassen, nicht als weitere Handlung, sondern als ein Zustand völliger Hingabe. Wir leben in der Täuschung, dass unser Ego die Dinge lenke, alles von uns ausgehe, sich die Sonne um die Erde drehe. Lassen ist der Zustand, in dem wir erkannt haben, es gibt ein großes, unendliches Sein, dem nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann. Wir, unser Ego also, kann nur eins, sich in diesem großen Sein auflösen, total hingeben. Ein Zustand, der größer ist als das, was wir mit dem Wort Glück auszudrücken vermögen. So möchte ich schließen mit einem Zitat aus dem Mahavagga:

"Glück ist Leidenschaftslosigkeit in der Welt,
  der Begierden Überwindung.
  Des Ichbewusstseins Beseitigung
  ist fürwahr das höchste Glück."

Werner Heidenreich

Dieser Artikel wurde von W. Heidenreich exclusiv für Buddhismus aktuell geschrieben und dort als Hauptartikel in der Ausgabe 3/2005 veröffentlicht.


zurück