Redaktionelles

Frieden im Buddhismus

Eine besondere Stellung im Theravada-Buddhismus, dem älteren der beiden großen buddhistischen Strömungen, nimmt das "Metta-Sutra" (Sutra der Liebenden Güte) ein. Es beschreibt den Wunsch nach Liebe für alle Wesen und wird von Praktizierenden regelmäßig gelesen und rezitiert. Das Sutra richtet sich speziell an diejenigen, die den Frieden des Herzens als Lebensziel erkannt haben. Ihnen gibt das Sutra eine konkrete Anweisung, wie sie ihren Geist schulen und motivieren können, um eine umfassende liebevolle Haltung gegenüber allen Wesen einzunehmen.
Liebe und Frieden liegen im Buddhismus eng zusammen. Ohne eine friedliche Haltung kann es keine Liebe geben, ohne Liebe keinen Frieden. Das erklärt, warum in diesem alten buddhistischen Text als Lebensziel der Herzensfrieden genannt wird. Das zeigt, welch große Bedeutung Frieden im Buddhismus hat und zeigt zugleich, an welchem Ort Frieden für Buddhisten beginnt, nämlich im Herzen bzw. in der Geisteshaltung.
Es besteht sicherlich nicht nur im Buddhismus die Auffassung, dass Frieden mehr bedeutet als die Abwesenheit von Krieg. Neben Gewaltlosigkeit ist im Buddhismus mit Frieden eine grundlegend friedliche innere Haltung gemeint. Innerer Frieden, so wird an einer weiteren Stelle des Metta-Sutras beschrieben, ist ein Zustand, der einem "himmlischen Verweilen" gleich kommt und sich in allen Handlungen ausdrückt. Sanftes, friedvolles und damit zugleich auch liebevolles Handeln kann sich im Stehen, Gehen, Sitzen oder Liegen gleichermaßen manifestieren. Keine Handlung, die nicht aus einem sanftmütigen Geist heraus vollzogen werden könnte. Friede umfasst das ganze Leben, wird jeden Augenblick gelebt.
Frieden wird auf diese Weise zu einem umfassenden Lebensstil. Sie ist sehr viel mehr als eine pazifistische Einstellung oder die Meinung, das Kriege abzulehnen seien. Frieden wird gelebt im Umgang mit sich selbst und allen anderen Wesen und Dingen. Ob ein Gegenstand ergriffen und behandelt wird, jemand begrüßt oder aufgenommen wird, Nahrung zu sich genommen wird, über andere gedacht und gesprochen wird oder nach Lösungen gesucht wird, dies alles geschieht in einer sanften, friedlichen Weise. Eine grundlegende wohlwollende Haltung zum Leben, die in ihrer höchsten Vollendung auch während schlimmster Krisen inneren Frieden und Stabilität nicht verliert. Eine Haltung, die fähig ist, alle Seiten der Realität anzunehmen. Diese Annahme ist aktiv und nicht fatalistisch. Ein Mensch in einer solchen Haltung erfüllt seine Aufgaben, gestaltet sein Leben, doch er erspart sich Kämpfe gegen Windmühlen. Er ist geleitet von der Weisheit und dem "Klarblick", unterscheiden zu können, was er verändern und was er zu ertragen hat. Eine solche Haltung unterscheidet sich wohltuend von einem aggressiven, feindseligen oder ignoranten Geist, der ständig im Widerspruch zu sich selbst und dem Außen steht.

Sich selbst besiegen
Eine Legende berichtet, dass der indische Kaiser Ashoka (297-268), der einen Grossteil Indiens durch Eroberungskriege einte, nach seiner gewonnenen Schlacht um Kalinga im Osten Indiens, die äußerst grausam verlief, durch einen buddhistischen Mönch so tief beeindruckt wurde, dass er fortan keine weiteren Kriege mehr führte. Der Mönch ging sanft und achtsam über das Schlachtfeld und lächelte Ashoka so friedlich und freundlich an, dass dieser die unverrückbare Kraft des inneren Friedens erkannte. Ashoka war derart beeindruckt, dass er beschloss, auch zu einem solchen inneren Frieden zu gelangen. Ashoka wurde, nachdem er sich eingehender mit dem Buddhismus beschäftigte, Buddhist und gründete als erster Kaiser Indiens sein Staatswesen auf Friedfertigkeit und Einsicht. Er verzichtete auf weitere Kriege, bemühte sich um freundschaftliche Kontakte mit den Nachbarstaaten, schaffte die Tieropfer ab, empfahl Vegetarismus und baute sogar Hospitäler für Tiere. Es fällt auf, wie wichtig für den nun buddhistischen Ashoka friedliche Handlungen wurden. Für Ashoka galt bis zu seinem Lebensende die Verse des Dhammapada, eine der ursprünglichsten und ältesten Sprüchesammlungen des Buddhismus:

103. Ob man zu Tausenden auch da

die Mannen in der Schlacht besiegt,

wer Eines nur, sein Selbst, besiegt,

der wahrlich ist der höchste Held.

 

104. Sich selbst besiegen besser ist

als diese andern Menschen all.

Dem Mann, der selbstbezähmet ist

Und jederzeit gezügelt lebt,

 

105. Dem Mann von solchem Wesen kann

kein Gott, kein Himmelsgenuis,

der Mara nicht, auch Brahma nicht,

zunichte machen seinen Sieg.

(Dhammapada – Des Buddhas Weg zur Weisheit, aus dem Pali übersetzt vom ehrw. Nyanatiloka, Jhana Verlag, Uttenbühl, 1992, S. 118-121)

Bemerkenswert ist auch, dass Ashoka, trotz seiner offensichtlich großen Begeisterung für den Buddhismus alle anderen Religionen im Lande weiterhin akzeptierte und bestehen ließ. Er sandte in viele Nachbarländer Mönche um die Lehre des Buddhismus zu verbreiten. Diese Verbreitung fand auf friedlichem Wege statt, mit Achtung und Respekt für die bestehenden Kulturen und Religionen.

Geistestraining
Um inneren Frieden zu erlangen, das musste auch der Buddha während seines langjährigen Asketenlebens erfahren, bedarf es eines Geistestraining bzw. einer Wandlung der Denk- und Verhaltensmuster. Trotz strenger körperlicher Askese, die ihn an den Rand des Hungertods brachte, erlangte der junge Askete den angestrebten inneren Frieden nicht. Bereits dem Hungertod nahe, erinnerte er sich an eine Kindheitsszene, in der er während einer feierlichen Zeremonie seiner Eltern diesen tiefen Frieden erfuhr. Diesen Friede erreichte er damals ohne Askese und besondere Anstrengungen. Allerdings blieb dieser nicht stabil und schon nach kurzer Zeit war er aus diesem glücklichen Zustand wieder herausgerutscht.
Ihm wurde klar, dass es auf dem spirituellen Pfad, der zu inneren Frieden, Liebe und Glück führt, darum geht, den Geist führen zu können, ihn zu stabilisieren und nicht gegen sich selbst zu kämpfen. Er brach sein Asketenleben ab und wandte sich nach einer Phase der Genesung, die ihm zu neuen Kräften verhalf, der Meditation zu. Er wollte so lange meditieren, bis er zu einem friedlichen und stabilen Geist kommt. Dank der intensiven Mediation wurde der ehemalige Asket ein Buddha, ein "Erwachter". Als Buddha lehrte er fortan einen Weg der Wandlung des Geistes mit dem Ziel einen stetigen tiefen inneren Frieden zu erlangen. Dieser Friede wird als Befreiung von den geistigen, emotionalen Zwängen angesehen, die die Menschen ansonsten wie Marijonetten durchs Leben laufen lassen, immer auf der Flucht vor dem, was sie ablehnen und auf der Suche und dem Streben nach dem, was sie sich ersehnen.

Frieden lernen
Allein die gute Absicht, friedlich sein zu wollen, reicht nicht. Frieden will erlernt und eingeübt sein. Eine Übung, die das ganze Leben andauern kann und immer tiefer gehen kann. In der letzten Stufe führt sie den Praktizierenden in den Zustand eines "Bodhisattvas", einem Wesen, das den Frieden und die Liebe in seinem Herzen vollkommen verwirklicht hat und nun unfähig geworden ist, noch feindselige Gedanken oder Absichten zu hegen. Das ganze Wesen ist lebendiger Frieden geworden und erscheint den Mitmenschen wie ein Licht, das in der von Gewalt und Aggression geprägten Welt Hoffnung und Orientierung gibt. Als Beispiel unserer Zeit für solche Bodhisattvas wird zumindest in den tibetischen Kreisen der Dalai Lama angesehen oder in anderen buddhistischen Kreisen, der aus der Theravada-Tradition kommende kambodschanische Mönch Maha Gosananda. Letzterer hat in seinem traumatisierten Heimatland den Mut aufgebracht, statt politischer Parolen oder Hasspredigen das bereits erwähnte Metta-Sutra als Grundlage für Versöhnung und Heilung in kambodschanischen Flüchtlingslagern zu verteilen. Jedes Jahr wandert er mit vielen Gleichgesinnten durch das noch immer nicht ganz befriedete Kambodscha und lässt auch unsichere Gegenden nicht aus, um für Frieden und Versöhnung zu werben. Von Maha Gosananda stammt dieses buddhistische "Gebet":

"Liebe Brüder und Schwestern,
mein Name ist Maha Ghosananda, und ich bin ein buddhistischer Mönch aus Kambodscha.
Das Volk von Kambodscha hat großes Leid erfahren. Zusammen mit Millionen vom Frieden erfüllter Kambodschaner bete ich dafür, dass alle Menschen in ihren Herzen Stärke und Mitgefühl finden mögen und sich dabei von diesen Worten des Buddha leiten lassen mögen:

`In denen, die Gedanken der Anschuldigung und der Rache gegen andere hegen, wird der Haß sicherlich kein Ende finden. Denn Hass wird niemals durch Hass beendet. Hass wird durch Liebe beendet. Dies ist ein ewiges Gesetz.
So wie eine Mutter ihr Kind beschützen würde, selbst unter Einsatz ihres eigenen Lebens, so sollte man ein Herz ausbilden, das sich allen Geschöpfen schrankenlos öffnet. Man sollte seine Gedanken der Liebe die gesamte Welt durchdringen lassen – oben und unten, kreuz und quer, ohne irgendein Hemmnis, ohne jeglichen Hass, ohne jedwede Feindschaft.
So lange man wach ist, sollte man diese Achtsamkeit aufrechterhalten. Dies zu tun bedeutet, ein gesegnetes Dasein in diesem Leben zu erlangen.´

In Kambodscha war tiefes Leiden.
Aus diesem Leiden erwächst tiefes Mitgefühl.
Tiefes Mitgefühl schafft ein friedvolles Herz.
Ein friedvolles Herz schafft einen friedvollen Menschen.
Ein friedvoller Mensch schafft eine friedvolle Familie.
Eine friedvolle Familie schafft eine friedvolle Gemeinschaft.
Eine friedvolle Gemeinschaft schafft eine friedvolle Nation.
Eine friedvolle Nation schafft eine friedvolle Welt.
Mögen alle Geschöpfe in Glück und Frieden leben.
Amen"
(Maha Ghosananda: Wenn der Buddha lächelt – Herder / Spektrum 1997, S .39-40)

Alle Dinge gehen vom Geist aus
Im Buddhismus spielt der Geist (citta) eine zentrale Rolle. Im bereits erwähnten Dhammapada heißt es:

"Vom Geist geführt die Dinge sind,
vom Geist beherrscht, vom Geist gezeugt.
Wenn man verderbten Geistes spricht,
verderbten Geistes Werke wirkt,
dann folgt Leiden nach,
gleich wie das Rad des Zugtiers Fuß."
(Dhammapada – Des Buddhas Weg zur Weisheit, aus dem Pali übersetzt vom ehrw. Nyanatiloka, Jhana Verlag, Uttenbühl, 1992, S. 17)

Der Buddha hatte seinen Geist durch intensive Meditation geläutert und gab später seinen Nachfolgern ausführliche und konkrete Erläuterungen zur Meditation, von der er verschiedene Arten lehrte. Wenn wir hier der Frage nach der Stellung des Friedens im Buddhismus nachgehen, dann müssen wir auch die Meditation und alle weiteren Bemühungen für einen friedlichen Geist betrachten. Sie zeigen, dass Frieden im Buddhismus ein konkreter Praxisweg ist.
"Ahimsa", Nicht-Gewalt ist eine der ersten Tugendregeln im Buddhismus und soll den Geist zum Frieden führen. Im Westen wird ahimsa oft als Gewaltlosigkeit im äußeren Sinne verstanden, dass niemand andere verletze oder töte. Doch genau genommen ist ahimsa eine Art von Meditation oder eine Einstellung des Geistes. Es geht um eine Neigung des Geistes, die antrainiert werden kann. In jedem Augenblick, bei jeder Handlung kann der Übende -sich fragen: "Welche Geisteshaltung bewegt mich gerade?" "Sind meine Gedanken und Absichten friedvoll?"
Auf diese Weise werden unfriedliche Gedanken und Einstellungen erkannt und können durch friedliche, wohlwollende ersetzt werden. Diese Praxis kann hier nur angerissen und nicht ausführlich erklärt werden. Für uns ist nur wichtig zu wissen, dass es sich hierbei um eine auf Meditation und achtsame Selbstbeobachtung basierende Transformation des Geistes handelt. Diese transformative Praxis ist nicht an bestimmte Zeiten oder Orte gebunden, bedarf keiner besonderen Form oder spezieller Rituale, sondern ist eine Übung, die in jedem Augenblick praktiziert werden kann. Sie wird unterstützt durch besondere Meditationen, wie beispielsweise der Metta-Meditation, die den Geist durch Versenkung und Ausrichtung auf friedvolle Gedanken formen. Frieden ist somit eine das ganze Leben durchdringende Geisteshaltung, die ständig, von Augenblick zu Augenblick, wieder neu eingenommen bzw. angestrebt wird.

Umgang mit Gewalt
Dabei ist wichtig zu wissen, dass sich der Buddhismus nicht dem Irrglauben hingibt, Gewalt an sich ausschalten zu können. Ihm ist bewusst, dass Gewalt und Zerstörung natürliche Phänomene sind, die die Grundlage für neues Leben darstellen können. In einem Zen-Dialog zwischen einem Zen-Meister und seinem Schüler wird das deutlich ausgedrückt:

Emmon: "Gibt es Umstände, die Töten ermöglichen?"
Meister Nyuri: "Lauffeuer verbrennt den Berg, Sturm spaltet die Bäume, eine Lawine zermalmt die Tiere, Flut ertränkt Gewürm. Wenn der Geist so wirkt, ist Töten möglich. Aber wenn der Geist verwirrt ist und Leben und Tod sieht, dann kann eine einzige Ameise dein Leben in Fesseln halten."

Kommentar (Soko Morinaga Roshi): Gefangen in Urteilen und Wertungen ist der Geist verwirrt und macht Unterscheidungen zwischen Leben und Tod. Das eine als gut, das andere als schlecht empfindend, nicht wissend um das Wahre Leben, das "Ungeborene". In dieser Unwissenheit kann eine einzige Ameise, die man tötet, zum Verhängnis werden."
(Dialog über das Auslöschen der Anschauung R. G. Fischer Verlag Frankfurt 1987, S.73/74)

Diese offene Haltung gegenüber Gewalt und die Fokussierung auf die innere Einstellung ist speziell buddhistisch. Im Buddhismus gibt es die Karma-Lehre (Karma Sanskrit Wirkung), nach der jeder den Folgen seiner Handlungen nicht entkommen kann. Ob eine Handlung positiv oder negativ zu beurteilen ist, ob sie für den Handelnden nachteilig ist im Sinne des Karma (Wirkung), ist nicht an der Handlung selbst festzumachen, sondern an der Motivation, aus der heraus jemand handelt. Daher können auch äußerlich friedlich erscheinende Handlungen im Grunde äußerst gewalttätig sein, weil die dahinter liegende Haltung unfriedlich ist. Umgedreht können äußerlich gewalttätige Handlungen aus einem wohlwollenden friedlichen Geist geschehen. Das sind allerdings seltene Ausnahmen.
Im späteren Mahayana-Buddhismus entwickelte sich die Vorstellung von Schutzgottheiten, den Dharmapalas, die als Verteidiger und Wächter der Lehre galten bzw. gelten. Sie wurden oft als wild und böse dreinblickende Krieger dargestellt, die oft an den Tempelpforten wachten. Der Buddhismus erkennt mit diesen Gottheiten Gewalt als legitimes Mittel der Verteidigung an. Buddhisten, die in ihrem Beruf möglicherweise Gewalt ausüben müssen, etwa Polizisten, beziehen sich oft auf diese Bodhisattvas als Rechtfertigung ihres eigenen Handelns. Doch es gilt immer die Prämisse, dass die innere Einstellung friedlich bleiben muss. Der im Buddhismus und für viele Friedensbewegte wichtige Ausspruch des Buddha bleibt für alle gleichermaßen gültig: "Hass beendet niemals Hass, nur Liebe beendet Hass."

Weisheit
Eine wichtige Stellung im Buddhismus nimmt die Weisheit (panna) ein. Weisheit ist nicht Bildung oder Wissen, im Gegenteil, gerade zuviel Wissen trübt manchmal das Auge der Weisheit. Unter Weisheit versteht der Buddhismus die tiefe Einsicht in die "wahre Natur der Dinge". Kurz gesagt, unsere alltägliche Sicht der Dinge ist getrübt durch unseren sich auf unser Ego beziehenden Blick. Wir nehmen die Welt natürlicherweise immer anthropozentrisch wahr, geben den Dingen ihren Namen und ihre Bedeutung nach unseren Bedürfnissen und Bewertungen.
Weisheit dagegen blickt von einem universellen Standpunkt aus und erkennt nach buddhistischer Auffassung das Einssein aller Phänomene. Nichts ist aus sich heraus, nichts kann als getrennt wahrgenommen werden. Diese hier sehr kurz angesprochene Sicht, die "vollkommene Sicht", die als die Morgenröte des Erwachens betrachtet wird, ist Grundlage des Strebens nach Frieden. Weil alles eins ist, weil nichts getrennt ist, ist Frieden das höchste Ziel. Letztlich ist jede Gewalt, gegen wen oder was sie sich auch immer richtet, eine Gewalt gegen sich selbst.
Aus dieser Sicht entwickelt sich auch eine, wie es der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh gern ausdrückt, organische Sichtweise der Welt. Alle Strömungen und Erscheinungen in der Welt werden als zusammengehörig wahrgenommen. Nichts kann getrennt werden von der Weltsituation insgesamt und gehört zu dieser. In der Zeit der Globalisierung hilft eine solche Sichtweise, nicht künstliche Trennungen aufzubauen, sondern Verbundenheit mit allem herzustellen. Betrachten wir die ökonomische, politische und ökologische Weltsituation, können wir unschwer erkennen, wie sehr alles zusammenhängt und sich von einander ableiten lässt. Frieden basiert daher auf der Erkenntnis, dass jede Handlung, jede Maßnahme, erscheint sie auch individuell und partikular, Wirkung auf alle anderen hat. Ist dieser Zusammenhang im Bewusstsein der Menschen, erkennen sie frühzeitig, welche ihrer Aktivitäten andere belasten und schädigen könnten. Sie vermeiden Handlungen, die zu Krisen und Kriegen führen könnten.

Friedliche Geschichte
In der Geschichte des Buddhismus haben sich dank der starken Ausrichtung auf eine friedliche Grundhaltung und dem ahimsa-Gebot keine Glaubenskriege ereignet. Es gab durchaus Verfolgungen untereinander, Tempel wurden gegenseitig zerstört und Anhänger anders ausgerichteter buddhistischer Schulen vertrieben. Doch dies waren meist kleinere, lokale Konflikte, deren Gewalttätigkeit begrenzt waren und sich nicht aus der Lehre des Buddhismus ableiten ließen. Oft waren es Machtkämpfe, bei denen nicht etwa Bekehrung und Mission die Motivation waren, sondern schlicht der Kampf um Einfluss und Einkünfte. Kriege und Zerstörung von Städten oder Ländern hat es von buddhistischer Seite aus bzw. buddhistisch motiviert nicht gegeben. Das ist der Grund, warum der Buddhismus bis heute im Vergleich mit den monotheistischen Religionen als die friedfertigere gilt. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass der "Buddhismus" in seiner Struktur organisatorisch und strukturell anders organisiert ist, als es das Christentum, besonders die katholische Kirche, ist. Wir haben es mit einer Vielzahl von Schulen und Traditionen zu tun, die nebeneinander bestehen und teilweise konträre philosophische und religiöse Positionen vertreten. Je nach Land unterscheiden sie sich auch kulturell, in ihrer gesellschaftlichen Stellung und in ihren Zeremonien und religiösen Ausrichtung sehr stark. Diese Offenheit in der Struktur hat vielleicht mit dazu beigetragen, dass es auch innerhalb des Buddhismus keine Glaubenskriege gab.
Auch heute werden viele Impulse für Friedensaktivitäten aus der buddhistischen Lehre gezogen, gelten Buddhisten mit ihrer gewaltfreien Art des Handeln als Vorbild für Friedensaktivitäten. Die beiden erwähnten buddhistischen Würdenträger, der Dalai Lama und Maha Gosananda, haben zusammen mit dem vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh vor Jahren den "engagierten Buddhismus" ausgerufen, der sich zum Ziel setzt, auf friedliche Weise auf die zum Teil sehr gewalttätigen Missstände zu reagieren. Alle drei haben in ihren Ländern Vertreibung und Unrecht erfahren und gewaltfrei und friedlich bis heute Widerstand geleistet.

Interreligiöser Dialog
Diese friedliche Haltung hat der Buddhismus historisch immer auch gegenüber anderen Religionen eingenommen. In fast allen Ländern in denen er Fuß fasste, akzeptierte er die vorhandenen Religionen, vermischte sich teilweise mit ihnen. Das gilt auch heute noch und besonders im Westen, wo der Buddhismus in den letzten Hundertfünfzig Jahren im Zuge des amerikanischen und europäischen Kolonialismussees von Asien nach Amerika und Europa kam. Sein erster Einfluss hier im Westen war eher in der Philosophie als im Christentum wirksam. Große Philosophen, wie beispielweise Arthur Schopenhauer (1788-1860), wurden von ihm inspiriert.
Im Zusammentreffen mit dem Christentum, das ihm in den ersten Jahrzehnten eine grundsätzliche Ablehnung entgegenbrachte und seine asiatischen Gläubigen im großen Stil missionierte, gab und gibt es immer wieder Verständnisschwierigkeiten. In den ersten Übersetzungen buddhistischer Schriften wurden aus Unwissenheit viele der Pali- oder Sanskritbegriffe mit christlich belegten Begriffen übersetzt. Das führte zu einer verzerrten Leseart des Buddhismus, die erst in den letzten Jahrzehnten korrigiert wurde bzw. noch immer korrigiert wird.
Ein interreligiöser Dialog wird unter den großen Religionen, zu denen auch der Buddhismus gehört, seit vielen Jahren geführt. In Deutschland gibt es seit nunmehr fünfzig Jahren eine Dachorganisation, die "Deutsche Buddhistische Union" (DBU), die als Koordinator für die buddhistischen Belange tätig ist und Ansprechpartner ist für alle Fragen zum Buddhismus und damit auch für den interreligiösen Dialog. Da der Buddhismus auch hier in Deutschland aus vielen selbstständigen Gruppen, Schulen und Vereinigungen besteht, koordiniert und leitet die DBU zwar Anfragen weiter, doch gibt es keine feste Struktur. Es laufen auf vielen Ebenen und in vielen Regionen interreligiöse Dialoge, denen sich in der Regel Buddhisten aller Traditionen gern stellen.
Wir können unterscheiden zwischen den in Deutschland lebenden Asiaten, die eine enge kulturelle Bindung zum Buddhismus haben und sich in eigenen Tempeln organisieren und Deutschen, die zum Buddhismus konvertierten oder der buddhistischen Praxis folgen ohne ihre Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche aufzugeben. Im interreligiösen Dialog sind beide Gruppen in ihrem Verständnis und Anliegen nicht gleich. Den Asiaten geht es häufig um Fragen nach Integration, rechtlicher Stellung und Anerkennung, während für westliche Buddhisten mehr die inhaltlichen Fragen der Lehre im Vordergrund stehen.
Im Dialog der Religionen nimmt der Buddhismus neben seiner fehlenden Gottesvorstellung auch deshalb eine Sonderstellung ein, weil er nur zum Teil eine Religion und zu einem anderen großen Teil eher als eine Philosophie verstanden werden kann. Der große Buddhismusforscher Contze schrieb einmal, dass der Buddha nicht mit Jesus sondern besser mit Sokrates zu vergleichen wäre. Dieser Unterschied zeigt sich auch in seiner bereits angesprochenen Organisationsstruktur, die in der Religionswissenschaft als "diffus" bezeichnet wird. Das heißt, wir können nicht den einen Sprecher, die eine Sprecherin für den Buddhismus benennen. Selbst der Dalai Lama als Oberhaupt der tibetischen Buddhisten ist nicht Sprecher aller Buddhisten.
In der Begegnung der Religionen wollen Lehrer wie der Dalai Lama oder Thich Nhat Hanh den Andersgläubigen mit buddhistischen Praktiken helfen, ihren Glauben besser zu leben. Bemerkenswert ist eine Initiative zwischen einem christlichem deutschen Kloster und einem japanischen Zen-Kloster. Beide Klöster tauschen jeweils für ein Jahr Mönche aus, damit diese sich tiefer und eingehender in die Praxis der anderen einfühlen können um unter anderem Inspirationen für ihren eigenen Glauben zu bekommen. Dieser kooperative Ansatz, in dem immer wieder betont wird, dass viele grundlegende Übungen des Buddhismus ebenso auch in christlicher Weise geübt werden können, versucht gemeinsame Antworten sämtlicher Religionen für die großen Herausforderungen unseres neuen Jahrtausends zu geben. Die Prämisse des ehemals katholischen Theologen Hans Küng, "Kein Frieden ohne Religionsfrieden" wird auch von vielen buddhistischen Gläubigen geteilt. Dieser Frieden ist, so die buddhistische Sicht, nur möglich, wenn auch der Frieden im Herzen lebendig ist und gelebt wird.
Aus der oben erwähnten "organischen Sichtweise" der Welt ist aus buddhistischer Sicht der Dialog unerlässlich und die Chance und Grundlage für die Zukunft der Menschheit. Eine Friedensschule zu gründen, die auf dem reichen Schatz mehrerer Religionen basiert, ist ein wichtiger Beitrag zu diesem Dialog und der Vernetzung der Religionen. Ich hoffe und wünsche, dass die Schüler nicht so sehr aus Theorie und "toten Worten" die verschiedenen Religionen kennen lernen, sondern aus der unmittelbaren Begegnung und Erfahrung

Werner Heidenreich ist Leiter des spirituellen Zentrums StadtRaum Köln (www.stadtraum.de). Er praktiziert seit Jahren Zen- und Vipassana- Meditation und ist in den letzten Jahren besonders inspiriert von dem vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh, in dessen Laienorden "Intersein" er Mitglied ist. W. Heidenreich ist Ratsmitglied der Deutschen Buddhistischen Union und leitet unter dem Motto: "glücklich Leben – der Weg der Achtsamkeit" Meditationskreise sowie Kommunikations- und Lebensführungsseminare mit den Schwerpunkten Achtsamkeit, Liebende Güte und achtsame Kommunikation. Im Oktober 2006 erschien sein Buch: "In Achtsamkeit zueinander finden – die buddhistische Sprache der Liebe" Diederichs Gelbe Reihe

Email: wh@w-heidenreich.de 
Internet: www.w-heidenreich.de


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