Redaktionelles

Der Zen-Schlag

In einem Elektrogroßmarkt in der Kölner Innenstadt sah ich am 11. September zufällig auf einem der Fernsehschirme die brennenden Twin Towers des World Trade Center. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, ob die Bilder Fiktion oder Realität waren. Aus den Gesprächen der Anwesenden und den eingeblendeten Kommentaren entnahm ich, dass Terroranschläge auf die beiden New Yorker Hochhäuser und das Pentagon in Washington verübt worden waren und befürchtet wurde, dass noch weitere Gewalttaten folgen könnten. Als ich das Geschäft verließ, schaute ich mich reflexartig um, ob womöglich auch in der Kölner City ein Anschlag stattgefunden hatte.

Kaum zurück in meinem Büro, erhielt ich die Nachricht vom Fall der Türme und von der geschätzten Zahl der Opfer. Tief bestürzt hoffte ich, dass es dennoch für viele Fluchtmöglichkeiten in Hohlräumen unter den Trümmern gegeben hatte und sie lebend gerettet werden könnten. Ich litt gemeinsam mit vielen Freunden und Freundinnen. Ich hörte von deren Angst vor einem globalen Krieg und sah überall große Unruhe und Sorge. Mein Mitgefühl mit den Opfern wuchs, je mehr von den Betroffenen bekannt wurde und ich von den dramatischen Einzelschicksalen las.

Aber waren nicht auch die Täter Opfer von Verblendung, Fanatismus und Hass? Mir kamen die Terroristen nicht fremd vor. Auch in meinem Kopf entdecke ich Denkmuster von Gut und Böse, von Freund und Feind, von Richtig und Falsch. Geistige Intoleranz ist ein allgemeines Problem, und auch der Glaube, man sei im Besitz der einzigen Wahrheit, ist nicht nur ein Merkmal der Attentäter. Deren grausame Konsequenz, bis zu Mord zu gehen, hebt sie jedoch von der breiten Masse ab.

Regelmäßige Meditations- und Gesprächskreise unseres spirituellen Zentrums StadtRaum Köln waren in den ersten Wochen nach dem 11. September nicht nur für mich eine wichtige Möglichkeit der Besinnung, des gemeinsamen Schauens und vor allem des füreinander Daseins. In dieser schweren Zeit wurde um uns herum wild diskutiert und gestritten, spekuliert und gefordert, beschuldigt und verteidigt. Aus unserem Herzen sprachen wir über unser Befinden und die aus dem Anschlag zu ziehenden persönlichen Konsequenzen -- ohne uns selbst zu beurteilen oder zu maßregeln. Für viele war dies die einzige Möglichkeit, sich wirklich frei und offen über das Erlebte auszutauschen.

Besonders verängstigt und hilflos erschienen mir die Personen, die sich tagelang im Fernsehen die ständigen Wiederholungen der Schreckensmeldung anschauten und die zahllosen Nachrichtensendungen, Talkshows und Kommentare zu den Anschlägen verfolgten. Sie erschienen wie gefangen in einem Strudel von Bildern, Informationen und Meinungen. In den Medien stürzten nicht zwei Hochhäuser ein, sondern tagelang, ja wochenlang wurden Zigtausende von Twin Towers vor unseren Augen zerstört und das Leiden ins Unermessliche gesteigert.

Den 11. September empfand ich wie einen globalen Zen-Schlag für unser neues Jahrtausend.

Ein Zen-Schlag führt zu keinem neuen Wissen. Zen-Schläge sollen uns aus unseren Anhaftungen, Illusionen und Verblendungen erwecken. Sie wollen uns davon abhalten, unseren gewohnten Denk- und Verhaltensmustern ständig weiter unreflektiert zu folgen. Nach einem Schlag tritt üblicherweise für wenige Sekunden eine Denkpause ein, die wir als Schrecksekunde erleben. Der Strom der Gedanken ist unterbrochen. Es entsteht Raum, um sich neu zu erfahren, um eine neue Sicht und ein anderes Handeln zu entwickeln.

Unmittelbar nach dem Anschlag wurde der gesamte Flugverkehr in den USA stillgelegt, gestoppt. Anhalten oder Stoppen ist im Japanischen das Wort für Meditation. Was kann stoppen also auch heißen? Womit halte ich an?

Zuerst gilt es, meinen unruhigen Geist zu stoppen, der mich ständig aus der Gegenwart fortführt in Zukunftspläne oder in die Vergangenheit, in Projekte oder in Fantasien und Grübeleien. Dann gilt es, mein inneres Getriebensein zu stoppen. Ich habe das Bedürfnis, ständig fortzuschreiten. Kein Zustand, sei er noch so angenehm, schenkt meinem Geist und meinem Lebensdurst das Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit. Fortschritt ist ein Ziel, das in keinem modernen parteipolitischen Wahlprogramm fehlen darf. Fortschritt heißt, den momentanen Zustand als mangelhaft zu erleben und einer besseren Zukunft entgegenzueilen. Fortschritt als permanente Forderung verhindert jedoch das Verweilen im Augenblick. Dieses Gefühl des "Jetzt noch nicht, aber bald" treibt mich wie einen Hamster im Rad zu ständiger Aktivität und Anstrengung an.

Stoppen heißt auch, aus dem Vergessen zu erwachen. In der Meditation übe ich, das Meditieren nicht zu vergessen. Das ist schon schwer genug, aber im Alltag ist das Vergessen noch viel stärker ausgeprägt. Ich bin bei meinen alltäglichen Handlungen nur selten wirklich präsent. Ich werde von meinen Emotionen hin und her gerissen; ich folge unbewusst meinen gewohnten Denk- und Verhaltensmustern und verliere mich in den alltäglichen Ablenkungen.

Unruhe, Getriebensein und Vergessen verdecken meine grundlegenden Bedürfnisse, meine tieferen Fähigkeiten, meine Liebe und meine wahren Lebensaufgaben. Ich täte besser daran,

  • mit einem Leben aufzuhören, das mich von meiner wahren Berufung wegführt,
  • aus einem Lebenswandel auszusteigen, der mir, der Menschheit und der Erde, mehr schadet als nutzt,
  • meine alltäglichen kleinen und großen Fluchten zu stoppen.

Morgengatha

Die Nacht ist vorüber,
unser Leben ist kürzer.
Lasst uns sorgfältig schauen,
wie wir handeln wollen.

Schwestern und Brüder, lasst uns praktizieren
mit unserem ganzen Herzen und rechter Anstrengung.

Lasst uns tief leben als freie Menschen,
immer im Bewusstsein der Vergänglichkeit,
so schwindet unser Leben nicht bedeutungslos dahin.

Diesen Morgenspruch rezitieren wir vor der Morgenmeditation, um uns an unser eigentliches Anliegen für den Tag zu erinnern: tief zu leben im Bewusstsein der Vergänglichkeit. Es gibt keinen Augenblick in meinem Leben, der noch einmal wiederkommt. Keine versäumte Tat kann nachgeholt, keine schädliche Tat rückgängig gemacht werden.

Um mich herum, mitten in der Großstadt, läuft ein wahnwitziges Szenario ab, das alles an sich hat, um mich von meinen wahren Aufgaben und Bedürfnissen abzulenken. Ständig passiert irgendwo etwas; alles erscheint wichtig; nichts darf verpasst werden. Dabei sein, "in" sein gehört zur gesellschaftlichen Norm.

Schaue ich einmal etwas tiefer auf die Themen und Dinge, die uns im Alltag unterhalten und auf Trab halten, dann erscheint mir das meiste infantil, unnötig und unwichtig. Vieles schadet mehr, als dass es hilft. Weil wir mit geistigem Alltagsmüll vollgestopft sind, fühlen wir uns leer, doch wären wir wirklich leer, würden wir unsere Fülle erkennen. Und weil der innere Reichtum nicht mehr sichtbar ist, werden wir krank, geben Unsummen für Schlaf- und Schmerzmittel aus und verlieren uns in Süchten aller Art. Den gewünschten Wohlstand, Lebensfreude sowie soziale und wirtschaftliche Sicherheit versuchen wir mit Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen und Erfolg zu erreichen. Doch genau dieses Bemühen macht uns das Leben so schwer.

Kurz vor dem Anschlag schrieb ich einer Freundin, die ihre jahrelange Drogensucht durch Vipassana-Meditation besiegt hatte, dass ihre Praxis im Gegensatz zu meiner um Leben und Tod ginge. Doch seit dem Anschlag weiß ich: Nein, auch meine Praxis geht um Leben und Tod -- nicht nur um meines Lebens willen, sondern um das Überleben der ganzen Menschheit. Die Kräfte der Zerstörung, im Buddhismus als mara bekannt, sind derart stark und bedrohlich geworden, dass jede Menschenseele dringend gebraucht wird, um ihnen Einhalt zu gebieten.

Jeder bewusste Atemzug, jedes Transformieren eines unguten Gefühls, jede unterlassene unheilsame Handlung trägt zur kollektiven Heilung der Menschheit bei. Und auch jede erlebte Freude, jeder liebevolle Gedanke ist Ausdruck der kollektiven Liebe, die sich in mir und durch mich manifestiert. Meine Meditation, mein Umwandeln von Gewalt und Ablehnung in Güte und Mitgefühl sehe ich als aktive Friedensarbeit für unsere Gesellschaft.

Ich musste an Claude AnShin Thomas denken, der als amerikanischer Vietnamsoldat an der Front Hunderte von Menschen tötete. Verletzt und schwer traumatisiert kehrte er in die USA zurück. Jahrelanges Leiden, Obdachlosigkeit und Drogensucht folgten. Er stand vor der fast aussichtslosen Aufgabe, sein Leiden und das von ihm angerichtete Leiden zu heilen. Er war Täter und Opfer zugleich. Der vietnamesische (!) Zen-Meister Thich Nhat Hanh, forderte ihn auf, sein Leiden anzuschauen, es zu akzeptieren und über sein Leiden öffentlich zu sprechen. Claude Anshin Thomas, der mittlerweile von dem amerikanischen Zen-Meister Glassman Roshi zum Zen-Priester ordiniert worden ist, pilgert nun durch die Welt, sucht Orte der Gewalt und des Leidens auf, berichtet von seinen Erfahrungen und berührt damit Tausende von Menschen, die durch ihn zu ihrem eigenen Leiden geführt werden und damit ihre Heilung beginnen.

Ein halbes Jahr nach dem Unglück las ich in der Zeitung, dass sich die meisten Amerikaner seit dem 11. September gefühlsmäßig noch immer in einem Krieg befinden, obwohl ihr Alltag schon längst wieder Normalität erlangt hat. Ich selbst fühle mich seit dem Anschlag nicht in einem Krieg, obwohl kriegerische Handlungen in Afghanistan folgten. Vielmehr erlebte ich den 11. September subjektiv als sichtbaren Ausbruch einer globalen Katastrophe, die sich auf verschiedene Weise entfalten wird. Terror, in welcher Form und von wem auch immer ausgeführt, gehört dazu. Es gehören Naturkatastrophen dazu, die durch unser ökologisches Fehlverhalten hervorgebracht werden, sowie Kriege, die aufgrund der sich weiter verschärfenden ökonomischen und ethischen Spannungen vermehrt auftreten können.

Bis zum 11. September hatte ich subjektiv den Eindruck, es sei sozusagen fünf vor zwölf. Am 11. September aber wurde mir deutlich, dass es eher fünf nach zwölf ist! Wir stehen bereits mitten in einer globalen Katastrophe, auch wenn diese noch nicht alle Lebensbereiche erfasst hat und unser Alltag noch immer so trügerisch normal verläuft.

Wenn ich also mitten in der Katastrophe lebe, was kann ich tun?

Ich fühlte mich nach den Terroranschlägen vom 11. September nicht allein. Im Gegenteil, ich hatte -- wie eingangs beschrieben -- Menschen um mich herum, die innerlich auf derartiges Leiden vorbereitet waren, die nicht in Ohnmacht und Hilflosigkeit versanken.

Ich setzte mich mit Menschen aus unseren Kreisen nach dem Anschlag zusammen. Wir beschlossen, uns aufgrund der Ereignisse stärker zu unterstützen, den eigenen Lebenswandel klarer auszurichten und die persönliche Praxis zu vertiefen. Dafür haben wir die vierzehn Achtsamkeitsübungen des Orden "Intersein" als Grundlage gewählt. Der Orden wurde in den 1960er Jahren während des Vietnamkrieges von Thich Nhat Hanh ins Leben gerufen und stellt eine für uns Westler neue Form des sozialen und politischen Handelns dar. Es geht nicht darum, andere zu bekämpfen oder von anderen viel zu erwarten, sondern darum, sein eigenes Leben umfassend zu betrachten und neu auszurichten, das angesammelte Leiden zu heilen, die Wurzeln des Leidens trockenzulegen, heilsame Anlagen zu fördern und die Fähigkeit des Liebens und Mitfühlens auszubauen. Analog der buddhistischen drei Dharma-Tore üben wir

  • sittliches Verhalten, um uns selbst nicht zu belasten und unsere Mitmenschen nicht zu verletzen, und
  • Konzentration oder Sammlung, um unseren sprunghaften Geist zu beruhigen und Einsicht in die wahre Natur der Dinge zu bekommen.
  • Die daraus entstehende Weisheit macht es uns möglich, unsere falschen Konzepte und Anschauungen loszulassen.

((entsprechen die Texteinrückungen so den 3 Toren? – ja, sehr gut WH))

Der Buddha sprach von Gewohnheiten, silas, die wir uns zulegen sollten, um unsere ethische oder sittliche Haltung umzusetzen und auf unserem Weg stabil zu bleiben. Der Buddha hatte erkannt, dass Gewohnheiten eine große Festigkeit haben, die positiv ist, wenn es sich um heilsame Gewohnheiten handelt, die aber negativ sein kann, wenn es unliebsame Gewohnheiten sind -- Raucher können das sicher bestätigen. Es mag unangemessen klingen, mitten in einer globalen Katastrophe von allmählichem Umgewöhnen zu sprechen. Aber ich sehe keinen anderen Weg, der eine Änderung in unseren Denk- und Verhaltensmuster bewirken könnte.

Die eigene subtile alltägliche Gewalt zu erkennen bedarf Übung; rechte Rede zu praktizieren bedarf Übung; meinen Gefühlen nicht blind zu folgen bedarf Übung, und es bedarf langer Übung, meinen Mitmenschen mit echter Liebe und echtem Mitgefühl zu begegnen. Deshalb ist es so wichtig, jetzt damit anzufangen.

Hier in Köln sind in den letzten Jahren einem neuem Trend folgend viele Fitness-Studios für den Körper entstanden. Warum nicht ebenso viele Trainingsstudios für den Geist, für Achtsamkeit, schaffen? Weltweit sind sehr viele Menschen auf einem spirituellen Pfad. Sehr große Zentren sind im letzten Jahrhundert entstanden. Sie stellen bereits eine Art gesellschaftliche Kraft dar, die das Anhalten und Aussteigen praktiziert. Sie werden in den Medien und in der Politik meist als religiös und damit als unpolitisch verstanden, als eine private Angelegenheit. Aber das ist falsch, denn gerade die innere Wandlung, der Umgang mit unseren Gefühlen, das Hinterfragen unserer Anschauungen und Konzepte ist zutiefst politisch und hat Auswirkung auf unser Zusammenleben.

In Israel gibt es die Bewegung "Frieden jetzt!". Warum nicht diese Forderung übernehmen?

Doch wo beginnt der Frieden oder, anders ausgedrückt, wo beginnt der Unfrieden? Im Sudan, im Irak, in Nordkorea, bei den anderen -- oder aber in meinen Gefühlen, in meinem Denken, in meinem Herzen? Ohne diesen Frieden im Herzen kann es keinen beständigen Frieden in der Welt geben.

Seit dem 11. September praktiziere auch ich um Leben und Tod der Menschheit. Stoppen, innehalten, jetzt!

Werner Heidenreich


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