Redaktionelles

Achtsam Kommunizieren

In der letzten Ausgabe des Wegweisers habe ich bereits die Praxis der Achtsamkeit vorgestellt und dargelegt, dass uns Achtsamkeit zu innerem Glück und Freiheit führt. Ein besonders wichtiger Bereich unseres Alltags nimmt die Kommunikation ein. Gerade im Umgang mit anderen erleben wir Liebe, Nähe und Wertschätzung aber auch Trennung, Angst, Aggression und Ärger. Wie können wir in der Kommunikation Achtsamkeit praktizieren und wie kommen wir zu einer Begegnung in Frieden und Harmonie?

Ausgangspunkt der "achtsamen Kommunikation" ist der Wunsch, seine eigenen und die Gefühle und Bedürfnisse anderer kommunizieren zu können. Ziel jeder Kommunikation ist Verstehen und verstanden werden.

Frei werden um Verstehen zu können
Betrachten wir die Vorraussetzungen des Verstehens etwas genauer, dann wird uns deutlich, wie wichtig gerade beim Verstehen die Achtsamkeit ist. Wie oft im Alltag hören wir den anderen sprechen, sind aber im Kopf so beschäftigt oder emotional so bewegt, dass wir die Worte zwar hören, aber nicht wirklich verstehen. Verstehen ist eine Kunst, die wir nur praktizieren können, wenn wir uns wirklich >bewusst< sind, dass wir gerade nichts anderes wollen, als zu Verstehen und somit alle ablenkenden Gedanken, alle aufsteigenden Gefühle uns in diesem Moment nicht davon abhalten können, uns auf den anderen zu konzentrieren. Wir wollen leer werden und frei sein von unserem inneren CD-Spieler, der auf Dauerplay gestellt zu sein scheint. So werden wir fähig, die Botschaft des anderen wirklich aufzunehmen und zu verstehen.

Dazu eine kurze Zen-Geschichte: Einst besuchte ein sehr belesener Schüler einen großen Zen-Meister und bat diesen ihm einige Fragen zu beantworten. Der Meister stimmte zu, bot dem Schüler eine Tasse Tee an und während der Schüler mit seinen Fragen begann, füllte der Meister die Tasse mit Tee. Der Schüler bemerkte plötzlich, dass der Lehrer nicht aufhörte, Tee einzuschenken und die Tasse bereits überlief. So rief er dem Meister zu: "Meister, Meister, die Tasse ist voll!" "Ja," erwiderte dieser, "und dein Kopf auch! Wie willst du noch meine Antworten aufnehmen?"

Sind wir innerlich frei und offen, dann sind wir fähig Empathie bzw. Mitgefühl zu entwickeln und wir kommen zur höchsten Stufe des Verstehens, ein Verstehen, das oft auf Worte und Erklärungen verzichten kann.

Grenzen ziehen und Verletzung ausdrücken können
Wir bleiben auch dann noch im Verstehen, wenn wir konträr zu der Auffassung der anderen Person sind, wenn wir in dessen Worten nur Vorwürfe und Verletzungen hören. Es ist wie mit Eltern, die in der Wut und der Verzweiflung des Kindes, in dessen wütendem Schimpfen, Schreien und Treten immer noch die dahinterliegenden Ursachen erblicken können. Verstehen heißt nicht Zustimmen oder Akzeptieren. Doch bevor wir unsere Wahrnehmung, unsere Wahrheit, unsere Bedürfnisse und Gefühle ausdrücken, ist es wichtig, verstanden zu haben, was die andere Person bewegt, was sie fühlt und braucht. Es ist viel einfacher, aus diesem Verstehen heraus uns zu definieren, eventuell Grenzen zu setzen, eigene Verletzungen und Probleme auszudrücken.

Verbinden mit dem Lebendigen
Damit komme ich zum Kern der achtsamen Kommunikation. Kommunikation heißt verbinden, verbinden mit was? Verbinden mit dem was im Augenblick wahr ist, meiner Wahrheit und der Wahrheit der anderen Personen. Die Wahrheit, die in unseren Herzen lebt, die Wahrheit des Augenblicks. Lebendige Kommunikation ist immer auf den Augenblick bezogen. Wir hüten uns davor, in die "toten Worte", wie es im Zen genannt wird, zu verfallen. Tote Worte sind die Worte, die unreflektiert in der Vergangenheit oder der Zukunft kreisen, sich über Ausgemaltes und Vermutetes auslassen und den Kontakt verloren haben zum Jetzt und zu dem, was wir wirklich sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen können. Sind wir mit dem Lebendigen verbunden, wird achtsame Kommunikation zu einer großen Freude und bereitet uns statt Schmerz und Verletzung tiefes Glück.

Achtsame Kommunikation als Meditation
Achtsame Kommunikation ist eine Form von Meditation. Meditation bringt uns in Kontakt mit unserem Geist. Die moderne Sprach- und Denkforschung hat herausgefunden, dass wir üblicherweise aus dem Unbewussten sprechen, d. h. wir sprechen schneller als wir denken. In der achtsamen Kommunikation hören wir auch auf unsere eigenen Botschaften, die oft erst im Prozess der Kommunikation hervorkommen und erhalten dank der Beobachtung einen tiefen Eindruck von unserer Geistesverfassung.

Weisheit
Wenn wir uns unserer eigenen Verfassung bewusst sind, dann können wir mit Weisheit kommunizieren. Wir sind dann fähig, die Zustände in uns, die uns und vor allem andere leiden lassen, wie z. B. Eifersucht, Wut, Hass oder Angst, zu erkennen und uns um sie zu kümmern. Manchmal werden wir zu der Einsicht kommen, dass unter den gegebenen Bedingungen eine Auszeit, ein Stopp in der Kommunikation hilfreich ist, damit wir unseren Geist beruhigen und erfrischen können. Manchmal sind wir dank der Bewusstheit aber auch direkt in der Lage, auszudrücken, dass wir gerade leiden und verletzt oder wütend sind, anstatt diese Gefühle und Energien blind auszuagieren und uns und andere damit zu schädigen.

Mitgefühl und Liebe
Achtsame Kommunikation ist somit der Weg, der uns zu unserem Herzen führt. Sie befähigt uns, unsere Wahrheit auszudrücken und uns der Wahrheit der anderen zu öffnen. Sie ist eine Form der Kommunikation, die Begegnung und Mitgefühl möglich macht. Wo sonst Trennung und Verletzungen stehen, bereitet sie einen Weg zur Liebe.

Werner Heidenreich


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