Achtsamkeit


Jon Kabat Zinn: „Achtsamkeit hat vor allem etwas mit Aufmerksamkeit und Gewahrsein zu tun, und das sind Qualitäten, die für alle Menschen wichtig und von Wert sind. Doch betrachten wir diese Fähigkeiten häufig als Selbstverständlichkeiten; es kommt uns nicht in den Sinn, sie systematisch im Dienste eines besseren Verständnisses unserer selbst und der Weisheit zu entwickeln. Meditation ist der Prozess, durch den wir unsere Aufmerksamkeit und unser Gewahrsein vertiefen, verfeinern und sie in unserem Leben besser nutzen lernen.„


Wahrheit im Moment des Gewahrwerdens erkennen

Der Buddhismus betont, wie wichtig es ist, die Wahrheit vom ersten Moment des Gewahrwerdens zu sehen: wenn die Augen Sehobjekte wahrnehmen, die Ohren Hörobjekte wahrnehmen usw.. Für die meisten Menschen ist bereits das ein Problem. 

Unser Bewusstsein von Dingen lässt uns normalerweise die Dinge so sehen, wie wir gerne hätten, dass sie sind, aber nur selten so, wie sie wirklich sind. Wir können Dinge aufgrund von Verzerrungen und Vorlieben nicht sehen, wie sie sind. Wenn da das Bewusstsein eines Gefühls, dann wird der Geist sofort mit Abneigung oder Wohlwollen reagieren. Menschen machen aus diesen Reaktionen Gewohnheiten und erlangen dabei große Geschicklichkeit. Sobald eine Erfahrung ins Bewusstsein tritt, folgen sofort Werturteile wie angenehm, unangenehm oder gleichgültig und damit liebe, Hass, Freude oder Abneigung. Sobald sich Vorlieben und Abneigungen einstellen, beeinflussen sie den nachfolgenden Denkprozess. Ist Anziehung vorhanden, wird das Denken eine gewisse Form annehmen; ist Ablehnung 

da, wird es eine andere Form annehmen. Aufgrund dessen ist die Erfahrung verzerrt, das Gewahrsein verfälscht; es werden bestimmte Perspektiven gesehen, andere nicht. Das Wissen, dass aus einer solchen Art Bewusstsein erwächst, ist nicht klar oder umfassend, es ist kein Bewusstsein, das die Dinge wahrnimmt, wie sie sind. In der buddhistischen Praxis versuchen wir, von Anfang an die richtige Haltung einzunehmen. Wir sind bestrebt, die Dinge wahrzunehmen, wie sie sind, ohne uns von Abneigungen und Vorlieben bestimmen zu lassen, also mit sati, Achtsamkeit. Erfahrungen müssen mit einem beobachtenden Geist wahrgenommen werden, nicht mit einem Geist, der von Abneigungen oder Vorlieben geprägt ist. 

Kurz gesagt existieren zwei Möglichkeiten, dies zu tun:  

1. Wahrheitsgemäßes Erkennen: sich der Dinge, wie sie sind, bewusst sein, sich nicht von Vorlieben und Abneigungen hinwegreißen lassen. Es handelt sich dabei um eine reine Form von Gewahrsein, um die reine Wahrnehmung einer Erfahrung, d. h. um eine von Werturteilen freie Wahrnehmung. In den
Schriften ist die Rede von einem "Wahrnehmen, das gerade genügt, um Weisheit (jana) entwickeln zu können" (d.h. von einem Wahrnehmen, das es uns erlaubt, die Erfahrung so erleben zu können, wie sie ist), und um Achtsamkeit (sati) entwickeln zu können. Im speziellen heißt es, Dinge in ihrem Ursache-
Wirkungszusammenhang zu sehen.

2. Dinge auf heilsame Weise erkennen, d. h. in Verbindung mit einem heilsamen Wert, der nutzbringend ist und nicht sinnliche Gelüste begünstigt. Dabei wird eine Erfahrung so wahrgenommen, dass ,am sowohl das Angenehme als auch das Unangenehme auf heilsame Weise nutzen kann.
Damit wir auf geistiger Ebene von Erfahrungen profitieren können, müssen wir sie auf die rechte Art und Weise wahrnehmen. Wir müssen die bewusste Anstrengung aufbringen, eine Erfahrung so wahrzunehmen, dass sie uns hilft, Problem zu lösen, und uns in unserer persönlichen Entwicklung unterstützt. Sonst ist Gewahrsein nur ein Werkzeug, um entweder Sinnesbegierden zu erfüllen oder zu frustrieren, und das kann sich nicht heilsam auswirken.

P. A. Payutto, auch unter dem Namen Dhammapitaka bekannt, ist einer der angesehensten buddhistischen Gelehrten Thailands. Er ist Autor von "Bhuddadhamma".